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Hans-Joachim von: am: 2.08.2013
Hans-Joachim Autor(in):    |   2. Aug 2013   |    Kategorie: Ahrsteig, Fachsimpeln, Naturerlebnis, Rheinland-Pfalz,

Der Berg der Berge zum Zweiten – von Blutsaugern, Brennesseln und Barfußläufern

Es war schon seit einiger Zeit geplant, am vergangenen schwül-heißen Wochenende nun wollte ich den Plan in die Tat umsetzen: eine ganze Etappe des Ahrsteigs barfuß laufen. Was sag’ ich: eine ganze Etappe – die schönste Etappe des Ahrsteigs sollte es sein: die von Aremberg über Eichenbach, weiter über die Mertesnück, dann  hinunter nach Streitenau und von hier das Filetsteck dieser Etappe, entlang am Hang der Schulder Hardt nach Schuld und schließlich bis zum Etappenende in Insul

Wegen des schwül-heißen Wetters starten wir schon ganz früh. (Wir, das sind mein Bruder, der diesmal fast alle Fotos gemacht hat, und ich). Treffen ist um 8 Uhr in Insul am Wanderparkplatz hinter der Ahrbrücke. Das heißt, um 7 Uhr in Köln losfahren. Ich bin pünktlich, mein Bruder ist schon da. Wegen der schlechten Verkehrsverbindungen mit den Öffentlichen lassen wir ein Auto in Insul stehen, fahren mit dem zweiten nach Aremberg, wo wir unsere Tour starten.

Schnell sind wir oben kurz vorm Plateau an der Stelle, wo sich der Ahrsteig rechts in die Büsche schlägt. Weil ich weiß, dass dieses Wegstück durch ausgedehnte Brennesselbestände führt, habe ich hier die Sandalen noch an den Füßen. Sobald wir aber den Querweg im Wald erreicht haben, heißt es Schuhe ausziehen.

Ausgerechnet der Beginn ist steinig. So eiere ich am Wegrand entlang, achte sehr darauf, wo mein Fuß hintritt. Bald aber geht es besser. Kurz vor Eichenbach belädt ein älteres Ehepaar den Anhänger eines Traktors mit Holzscheiten. Als die Frau sieht, dass ich barfuß laufe, kann sie sich ein lautes Lachen und ein paar ironische Bemerkungen nicht verkneifen. Sie sind die einzigen Menschen, die wir an diesem Tag auf dem Ahrsteig treffen. Was uns dagegen massenhaft begegnet bei dieser Tour, sind blutgierige Bremsen. Sobald wir ein offenes Wiesenstück erreichen, stürzen sie sich auf uns. Dann kurz vor dem erneuten Eintritt in den Wald eine erste Überraschung. Auf dem Weg liegt fast regungslos ein Tier, das man sonst meist nur noch zerstückelt, weil zertreten oder überfahren, zu Augen bekommt. Eine veritable Blindschleiche von fast 40 cm Länge.

"Auge in Auge" mit der Blindschleiche (Foto Norbert Schneider)


„Auge in Auge“ mit der Blindschleiche (Foto: Norbert Schneider)

 

Auf der Mertesnück dann die erste Ernüchterung: Wir sind wesentlich langsamer unterwegs als sonst, das hat natürlich mit dem Barfußlaufen zu tun. Während ich sonst einen Schnitt von ca. 5 km pro Stunde erreiche, haben wir jetzt nach gut 75 Minuten mal gerade etwas mehr als 4 km geschafft. Aber zunächst genießen wir die Aussicht über das Tal des Dreisbaches hinweg auf die gegenüberliegenden Höhen. Dann geht es Gott sei Dank wieder in den Wald, keine Bremsen mehr. Meine Füße sind mittlerweile schon grau-schwarz, die Wege sind doch meistens noch feucht vom Nachttau, Staub und Dreck tun ein Übriges. Der Tau tut unheimlich wohl an den nackten Füßen. Im Wald läuft es sich angenehm auf dem weichen Boden. Aber als Stadtmensch habe ich immer noch sehr empfindliche Fußsohlen. Worüber ich mir während der Wanderung möglichst keine Gedanken mache, sind Zecken. Zecken habe ich mir bisher bei fast jeder Wanderung eingefangen, egal ob ich barfuß, mit Sandalen oder in hochgeschlossenen Wanderschuhen unterwegs war.

Schnell sind wir unten im Tal (mein Bruder möchte unbedingt noch den stillgelegten Bahntunnel inspizieren, der kurz vor Straße rechter Hand durch den Berg führt, da ich aber keine Lust dazu habe, ist er schnell wieder zurück. Er phantasiert von Stephen King, ich erzähle im etwas über geplante Fahrradwege auf ehemaligen Bahntrassen). Wir erreichen die Straße im Tal, queren die Ahr, biegen in Streitenau wieder ab Richtung Wald. Und dort dann mit akzeptabler Steigung bergan. Mitten im Anstieg eine Bank, schneller als ich gucken kann, hat sich mein Bruder zu einer Pause niedergelassen. Für mich von Nachteil, wie sich später herausstellt. Bis jetzt ist es trotz der unterschiedlichsten Untergründe gut gegangen mit dem Barfußlaufen. Aber die Pause haben meine Fußsohlen wohl falsch verstanden.  Sie denken, die Wanderung ist zu Ende und stellen wieder auf empfindlich um. Nach der Pause eiere ich wieder genauso herum wie zu Beginn. Bald kommt auch der Punkt der Entscheidung. Ausgerechnet als wir auf das schönste Stück dieser Königsetappe einbiegen, merke ich, es geht nicht mehr. Der Steig auf halber Höhe des Hangs ist so steinig, dass ich schnell merke, dass ich kaum noch vorwärts komme. Jede Schnecke könnte mich jetzt überholen. 

 

Plötzlich Konkurrenten: Mann gegen Schnecke (Foto Norbert Schneider)
Plötzlich Konkurrenten: Mann gegen Schnecke (Foto: Norbert Schneider)

Da ich aber nicht fanatisch an meinem Vorhaben klebe, ist die Entscheidung schnell gefallen: Ich ziehe nach etwas mehr als 10 km (seit Aremberg) die Sandalen wieder an. Ein (vorgezogenes) Fazit: Barfuß-Wandern macht Spaß, vor allem, wenn es durch feuchtes Gras, durch Matschpfützen oder über weichen Waldboden geht, und vor allem ist es gesund und schult wieder unsere natürlichen Laufreflexe. Aber steinige Strecken muss ich nicht barfuß laufen (Vorsicht: In der verlockendsten Wiese kann manchmal eine stengellose Distel den Spaß am Barfußlaufen ganz schön verderben).

Ein Mann muss wissen, wann er aufgeben muss (Foto Norbert Schneider)

Ein Mann weiß, wann er aufgeben muss (Foto: Norbert Schneider)

Mit Schuhen an den Füßen geht es jetzt zügig Richtung Schuld. An einer rutschigen Stelle des Steiges legt sich mein Bruder lang, vielleicht die Strafe für die nicht abgesprochene Pause. (Gesprächsthema danach: Arthrose im Handgelenk). Am Friedhof von Schuld findet gerade eine riesengroße Beerdigung statt. Es muss wohl ein sehr bekannter (oder sehr beliebter – was nicht unbedingt dasselbe ist) Mensch gewesen sein, der heute hier seine letzte Ruhe findet. Der Ahrsteig führt in Schuld direkt am Ufer der Ahr entlang – Gelegenheit sich zu erfrischen.

Hier sollte ein Foto der Ahr in Schuld zu sehen sein

Bei Schuld verspricht die Ahr die verdiente Abkühlung (Foto: Hans-Joachim Schneider)

 

Nachdem wir die Wochenendhäuser nördlich von Schuld passiert haben, wartet dann die schwerste Steigung dieser Tour auf uns. Die paar Regentropfen, die aus dem mittlerweile grauverhangenen Julihimmel fallen, erreichen uns im schattigen Wald leider überhaupt nicht. Keuchend bringen wir den Aufstieg hinter uns. Ich wunder mich über Hufspuren auf dem Steig, immer wieder scheint das (Reit-)Pferd mit einem Huf ein ganzes Stück abgerutscht zu sein. Nach dem Aufstieg wird der Weg flacher, er führt aus dem Wald heraus auf die Spicher Lay. Nicht zum ersten Mal (und auch nicht zum letzten) haben wir einen schönen Ausblick über Schuld. Auf der ersten Bank genehmigen wir uns eine zweite Rast (jetzt mit meiner Zustimmung). Kaum eine Gemeinde hat so viele Bänke so geschickt rund um den Ort platziert, von denen man faszinierende Panoramablicke über die Gemeinde hat, wie Schuld. Die neuen Ahrsteigmöbel dagegen, die wir unterwegs angetroffen haben, wirken meist deplatziert, zu groß, zu grell und häufig ohne wirkliche Überlegung aufgestellt. 

Hier sollte eine Panoramaansicht von Schuld zu sehen sein.

Schuld: Nur eine der vielen Panoramaansichten, die man vom Ahrsteig aus auf das Dörfchen hat (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Danach geht es schnell hinunter nach Schuld, das wir allerdings nur noch am Ortsrand berühren (Gesprächsthema jetzt: Kniegelenksarthrose und Schmerzmittel). Ein kleiner Anstieg noch durch die Wiesen östlich von Schuld (hier halten die Bremsen wohl gerade Mittagsschlaf), dann hat uns der Wald wieder. Dort geht es fast ohne Höhenunterschiede am Hang oberhalb der Ahr Richtung Insul. Ein kleiner Abstieg noch (Gesprächsthema: abermals Kniegelenksarthrose und Schmerzmittel), dann sind wir auf dem Niveau der Ahr. Das letzte Wegstück führt malerisch über die Einfassungsmauer am (orografisch) linken  Ufer der Ahr. Freundlich nimmt uns der Ort auf. Gleich darauf sind wir auch am Auto. Nun schnell noch hinauf nach Aremberg (mit dem Auto), um den zweiten Wagen abzuholen. Aber nicht ohne Erfrischung (Kaffee und Kuchen) auf der Terrasse der Burgschänke. Aber Pustekuchen: Die Terrasse ist zwar fast leer, aber serviert bekommen wir nix, weil drinnen 120 Hochzeitsgäste bedient werden müssen und wir leider nicht reserviert haben. Erschöpft und ein wenig frustriert treten wir den Heimweg an.

In Köln wartet ja mein Lieblingscafé auf mich. Dort weist man mich nicht ab. Mit einem Bekannten, der die Ahr vom Wandern ebenfalls fast wie seine Westentasche kennt, komme ich ins Gespräch über Borreliose. Er ist der dritte aus meinem Bekanntenkreis, der damit zu tun hatte. Er empfiehlt mir Waldarbeiterhosen, die mit einem Wirkstoff gegen Zecken getränkt sind. Erst gegen Ende des Gesprächst erzähle ich ihm, dass ich barfuß unterwegs war. Zu Hause untersuche ich mich gründlich auf die kleinen Biester. Sieben auf einen Streich. Soviel hatte ich schon lange nicht mehr. Im Laufe des Abends entdecke ich noch zwei weitere (so winzig, dass ich sie wohl beim ersten Zeckencheck übersehen habe). Kleiner Nachtrag: Am Dienstagmorgen unter der Dusche finde ich ein weiteres Exemplar auf meiner Hüfte, die muss sich irgendwo in den Klamotten versteckt und die 40-Grad-Wäsche überlebt haben.

Noch ein Fazit: Wer Angst vor Zecken und vor den von diesen übertragenen Infektionen hat, sollte auf das Barfußlaufen verzichten. Mit Borreliose (oder FSME = Frühsommereningoenzephalitis) ist nicht zu spaßen. Jeder Wanderer, der es mir nachmachen will, ist für seine Gesundheit selbst verantwortlich. 





3 Kommentare »

  1. M.D.
    M.D. — 4. August 2013 @ 22:07

    Ich fand es als Kind schon eklig, im Freibad barfuß über die stachelige Wiese oder den harten Beton zu laufen. Vor 1-2 Jahren war ich in Bad Sobernheim aufm Barfußpfad: 1x und nie wieder!
    In meiner Wohnung laufe ich oft und gerne barfuß, aber draußen nie im Leben. Da kann ich auch nur Kopfschütteln dafür aufbringen. Sorry.

    Btw.: bei uns im Ort läuft so’n (komischer) Typ rum, das ganze Jahr barfuß. Der wird auch das ganze Jahr skeptisch beäugt (allerdings nicht nur wg. barfuß).

  2. Hans-Joachim
    Hans-Joachim — 6. August 2013 @ 16:30

    Liebe Martina, wir in Köln sagen: Jeder Jeck ist anders. Mir macht es einfach Spaß, so viel wie möglich barfuß zu laufen, aber ich habe auch gemerkt, dass es Strecken gibt, die ich dann doch lieber mit Schuhen an den Füßen bewältige. Eklig kann ich das Barfußlaufen aber nicht finden, höchstens unangenehm.

    Lebst Du im Hunsrück? Ich komme drauf, weil sich doch viele der von Dir beschriebenen Touren im oder in der Nähe des Hunsrücks befinden. Falls es so ist. Schöne Grüße von einem ehemaligen Hunsrücker.

    Hans-Joachim

  3. Norbert
    Norbert Schneider — 7. August 2013 @ 07:28

    Hallo Leute,
    das war eine heiße Tour. Ich war dabei, allerdings habe ich meine Schuhe anbehalten und das war auch gut so. Ich hatte genug mit Brennesseln und Bremsen zu kämpfen, so dass ich gerne auf Zecken verzichtet konnte.
    Insgesamt war es landschaftlich eine wirklich schöne Tour, bei etwas anderen Rahmenbedingungen (10 Grad kühler ohne Bremsen) sehr empfehlenswert.

    No

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