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Georg von: am: 31.01.2013
Georg Autor(in):    |   31. Jan 2013   |    Kategorie: Kurz-& Rundtouren, Top Trails, Wäller Tour, Westerwald, Westerwald-Steig,

“Ei, Großvater, was hast du für große Füße!”: eine Schneeschuhwanderung auf der Fuchskaute (Westerwald)

[Ich bitte um Geduld, auch wenn manche Einstiege in einen Beitrag quasi die Qualität eines „Rausschmeißers“ haben.] Meine Kindheit verbrachte ich in den 60er- und den 70er-Jahren. In Weißenthurm. Manche halten das für einen herben Schicksalsschlag. Andere sprechen von Tragödie. Aber viel schlimmer als anderswo war es wahrscheinlich nicht. Damals  gab es in diesem Flecken für einen regen (nennt man heute hyperaktiven) jungen Burschen nur die Wahl zwischen „Handball“ und „Fußball“. Ich hatte zwei linke Hände, aber nur einen linken Fuß.  Mit Fußball fuhr ich also all die folgenden Jahre besser.

In den letzten Jahrzehnten haben die Medienexperten den Begriff der „Trendsportarten“ aus dem Ärmel geschüttelt. Trendy ist heute alles, von dem gestern noch niemand wusste, dass man so etwas überhaupt machen kann. Oder machen will. Leider habe ich in meiner Jugend ja diese Vielfalt nicht erlebt. Heute bin ich zu alt, um auf jeden Trendzug aufzuspringen. Obwohl – mich juckt es immer mal in den Füßen oder in den Händen, dies und jenes auszuprobieren. Unser ältester Sohn zum Beispiel „bouldert“ gern – dafür müssen Felsen herhalten. Wir machten das damals in Ermangelung dieser Felsen mit Bäumen; der Mensch war früher halt doch etwas näher am Affen als heute. Obwohl …

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KurzInfo! Christoph Diefenbach ist nicht nur Forstwirt, Revierjäger sowie Diplom-Agraringenieur, sondern auch zertifizierter Wanderführer, Natur- und Landschaftsführer und Gesundheitswanderführer; sein im vergangenen Jahr gegründetes Unternehmen „NaturSchritte“ bietet Wanderungen und Exkursionen zu unterschiedlichen Themen an. Die Teilnahmegebühr betrug moderate 8 Euro, für die Ausleihe von Schneeschuhen, Wanderstöcken und Gamaschen zahlte ich ebenfalls 8 Euro.

Wer mehr über die Wandergegend um die Fuchskaute herum erfahren möchte, wird sicher auf der Internetseite der Touristinformation Hoher Westerwald fündig.

Eine Wegekarte gibt es diesmal nicht. Ich weiß gar nicht, welchen Weg wir eingeschlagen haben. Eine PDF mit dem Wandergebiet um die Fuchskaute herum kann man aber herunterladen. Fotos habe ich diesmal auch weniger geschossen als sonst, weil das Gruppenerlebnis im Vordergrund stand (fotografieren braucht seine Zeit).

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Trendy ist auch das Schneeschuhwandern. Ein Zug, der selbst ältere Semester wie mich anlockt. Ein Zug, auf den ich jetzt mit beiden Beinen draufgesprungen bin. Nun dürfte der Gebrauch von Schneeschuhen in gewissen Gebieten Deutschlands (Alpen), Europas (Finnland), der Welt (Nordpol) nicht ungewöhnlich sein – in unseren Breitengraden aber ist mir bislang niemand auf meinen Wanderungen mit Schneeschuhen über die Füße gelaufen. Selbst im Winter nicht. Auch die Angebote sind noch dünn gesät. Letztens aber fiel mir auf der Seite der Westerwald-Touristik ein Hinweis auf „NaturSchritte“ ins Auge. Der nächste Schritt war schnell gemacht: Auf die Interessentenliste von „NaturSchritte“ eintragen – und abwarten.

Für mich war es dann am vergangenen Samstag so weit. Christoph Diefenbach rief, und ich und andere schnürten die Schuhe. Die Fuchskaute, der Start der Wanderung, ist nicht gerade mein Hausberg; diese mit 657 Metern höchste Erhebung des Westerwaldes ist ein gutes Stück von unserer Haustür entfernt. Aber ich habe schon weniger sinnvolle Sachen gemacht (mir schwebt da gerade das gehäufte Ikea-Sightseeing in Wallau vor Augen – aber das schreibe ich lieber nicht, sonst hängt der Haussegen schief).

Hierher wollen wir!

Auf dem Weg von Neuwied kühlte sich die Witterung von -1° auf -7° ab. Auf dem Weg zur Fuchskaute kam ich auch am Stegskopf vorbei, was eher unfreundliche Erinnerungen weckte. Da gab es mal ein Lager der Bundeswehr (womöglich lagert dort noch immer wer), von dem aus wir vor gut 30 Jahren bei der gleichen Wetterlage (Schnee und Frost) draußen herumlagen und im 2-Mann-Zelt übernachten sollten. Sollten, weil der Hauptmann uns ins geheizte Quartier zurückpfiff. Die Erinnerungen sind deshalb erwähnenswert, weil wir trotz der Kälte nichts von „Funktionskleidung“ wussten, sondern irgendwelches Filzzeugs trugen, das zu Ausschlag zwischen den Zehen führte.

Ist das erwähnenswert? Ja, denn bei -7° muss man sich ordentlich einpacken. Bekanntlich entdeckte Johann Zwiebelius bereits 1777 das nach ihm benannte Bekleidungsprinzip, das dann aber über viele Jahrhunderte in Vergessenheit geriet. Die Bekleidungsmittelindustrie und ihnen zur Seite stehende Werbefritzen haben die Idee jüngst aufgegriffen und einen eigenen Produktionszweig mit eigenen Werkstätten und Fabrikationshallen und überhaupt viel Tamtam in die Welt gesetzt.

Der Ketzerstein – mehr dazu später.

Unterhemd, langärmeliges Unterhemd, Fleecepullover, Winterjacke mit Innenfutter. Handschuhe. Wollschal (selbstgestrickt von der Dame, die vorhin den Haussegen schiefhing.) Wollmütze (dieselbe Dame, eine andere Wolle.) Wanderschuhe (Sommermodell!) 2 Paar Socken/Kniestrümpfe. Ob das jetzt irgendwie speziell kälteschutzbehandelt, innen angeraut und außen aufgeflauscht (oder umgekehrt), in Tarn-, Warn- oder Trendyfarben war oder einfach gut fürs Wandern, ist mir relativ egal. Es soll wärmen. Es kann gern von der Kaffeefirma sein oder von einem anderen Anbieter, der mein Budget respektiert. Es soll wärmen. Ich trage sogar die 20 Jahre alte Winterjacke, die entgegen der modischen („huch, ist die aber schick!“) „Winterfarben“ in einem vorgestrigen grün beeindruckt. Es soll halt wärmen, mehr nicht.

Den Rest besorgt sowieso Herr Diefenbach. 12 wagemutige Wanderer sind wir, die er aus seinem reichen Fundus an Schneeschuhen, Wanderstöcken und Gamaschen ausstattet. Bevor wir blau anlaufen, stapfen wir los durch die blendend-weiße Winterlandschaft, am Gasthaus „Fuchskaute“ vorbei zum Startpunkt unserer kleinen Schneereise. Die Schneeschuhe sind dort rasch untergeschnallt und auf die Fußgröße eingestellt und die Gamaschen festgezurrt. Das geht zügig und dank der umsichtigen Augen unseres Wanderführers problemlos. Und schon geht es los.

Langer Rede kurzer Sinn: Mensch, ist das geil!

Wir haben aber auch unglaubliches Glück. Nein, Glück ist es nicht, es passt einfach alles zusammen. Knackige Kälte. Schnee, so weit das Auge reicht. Vom Weiß umgarnte Äste und Zweige, Tannen und Fichten, die sich leicht unter der Last biegen. Eine weiche weiße Schicht unter unseren Füßen, die geschmeidig nachgibt. Ein Wanderführer, der ganz nebenher auf dem Weg reichlich Sympathiepunkte einsammelt. Und Schneeschuhe, mit denen man meilenweit laufen kann. Nur frischer Schnee, der einem von oben in den Nacken rieselt, der will heute wohl nicht fallen.

Wir stapfen geradewegs bis dahin, wo noch nie ein Mensch gewesen ist. Es geht auch durch das Naturschutzgebiet Fuchskaute. Jedenfalls verlieren wir unterwegs die Zivilisation ein wenig aus den Augen, auch wenn ein Dörfchen sich einmal dort aus dem Dunst schält und eine – ja, das muss ich erzählen!

Herr Diefenbach kennt auch die Westerwälder Ziegenwölfe, die meinem Freund KD und mir auf der letzten Wanderung „Spuren im Schnee“ auflauerten. Das Gatter nun vor uns, hinter dem sich die Tiere hier im Schatten des Gebüschs verbergen (zu unserer Sicherheit also sind sie eingezäunt), beherbergt kein Muffelwild, wie mancher fälschlicherweise diese wilden, zu allem entschlossenen (ja, ich nenne sie so!) Raubtiere nennen. Nein, es sind dies die sich sehr schnell vermehrenden Ziegenwölfe! Schaudernd verlassen wir den grauenhaften Ort, so schnell uns unsere Schneeschuhe tragen, froh darüber, mit dem Leben davongekommen zu sein..

Apropos schnell. Skilangläufer überholen uns. So schnell kommt man auf Schneeschuhen also nicht voran. Aber es gleitet sich ganz gut übern Schnee. Die Ferse wird zuerst aufgesetzt, dann rollt man den Fuß gemächlich ab. Schön breit gehen, sonst stellt man sich selbst ein Beinchen. Für Sommerwanderungen sind die Schneeschuhe prinzipiell zwar geeignet, doch sollten Maisfelder gemieden werden; man verheddert sich. Die Wanderstöcke sind nötig, damit man sich nicht ab und an lässig zur Seite in die Schneewehe wirft. Außerdem kann man den Vordermann durch den dezenten, aber gezielten Einsatz des Stockes zu einer schnelleren Gangweise animieren.

Die Wanderstrecke geht bergauf und bergab, alles sehr moderat und einsteigerfreundlich. Trotzdem sollte man, wie bei allen Wanderungen im Schnee, den erhöhten Kraftaufwand und die größere Ausdauerbelastung einkalkulieren; Wanderungen bei niedrigen Temperaturen fordern den Körper ja generell mehr.

Rastplatz (unbeheizt).

Klack, klack, klack. Beim Gehen hebt sich ähnlich wie bei einer Skibindung der Fuß aus dem Gestell. Das „Klacken“ fabriziert das mir zugewiesene Modell von Inook. Hersteller und Modelle gibt es, wie bei Trendsportarten üblich, in Hülle und Fülle; Herr Diefenbach hatte verschiedene Modelle zur Hand, wobei mir das Kunststoffgestell an meinen Füßen wegen des Klackklackklack weniger verlockend erschien. Natürlich ist preislich nach oben viel möglich, aber selbst mit günstigeren Fabrikaten ist ein Ausflug wie dieser ein großes Vergnügen. Wie so oft sollte man bei einem angedachten Kauf den Kosten-Nutzen-Effekt nicht aus dem Auge verlieren.

Unterwegs erfahren wir Verschiedenes über Wald und Flur, lassen uns Spuren im Schnee vorlesen (Dachs und Fuchs und Hase) und kommen unserem Ziel so innerhalb einer kurzweiligen Zeit näher: dem Ketzerstein. Dort rasten und dort ruhen wir, ein Feuerchen wird entfacht, an dem wir uns die Hände wärmen, und heiße Getränke und kalte Muntermacher kreisen zwischen uns, und landen in unseren Mägen.

Der Ketzerstein.

Für den Rückweg wird eine andere Route gewählt, doch die traumhaft-verschneite Landschaft bleibt uns erhalten. Geführte Wanderungen haben natürlich ein Handikap: Man passt sich dem Wandertempo an und bleibt nicht stehen, wenn man gerade einmal Lust dazu hat. Das ist für mich in Ordnung, denn das Erlebnis wiegt diesen Umstand dicke auf. Zudem ist die Gruppe „nett“, um es mal unverbindlich zu beschreiben. Nachdem sich zwei Gruppenmitglieder eine Auszeit im Schnee gönnen, eilen sogleich hilfreiche Hände hinzu und helfen den Gestrauchelten wieder auf die Beine.

Danke!

Den Rückmarsch bereichert Herr Diefenbach um einige Übungen aus seinem Programm „Gesundheitswandern“. Wir streifen Wacholderheiden, die sich in den nächsten Jahren wieder aufrappeln sollen, und erahnen die Arnikawiesen – sicherlich eine Augenweide zur Blütezeit. Und kaum habe ich mich versehen, sind wir wieder am Ausgangspunkt angekommen. Die Wanderschuhe, prädestiniert für laue Sommerwanderungen, bleiben dank der Schneeschuhe und der Gamaschen trocken.

Das Gehen in den Schneeschuhen ist eine Frage der Übung. Mit jedem Meter, den man zurücklegt, erhöht sich die Geh-Sicherheit. Einige Vorsicht ist geboten, wenn man sonst gewohnte Bewegungen ausführen will; da stehen dann die breiten Bretter im Weg. Und man geht halt breitbeinig wie John Wayne zu seinen besten Zeiten. Ich lehne mich einmal aus dem Fenster: Wer nicht zwei linke Füße hat, der kommt mit diesen Gehhilfen zurecht.

Was bleibt nun als Erinnerungen (jaja, meine Erinnerungen …): ein hervorragender Wanderführer, der seine Schäfchen gut von A nach B und zurück nach A brachte. Eine Landschaft, die ein Maler nicht besser für eine Schneewanderung im Westerwald auf die Leinwand hätte zaubern können. Und ein Wandererlebnis ganz anderer Art, das sich mit jedem Meter mehr und mehr zu einem Heidenspaß entwickelte.

Bevor ich selbst etwas zum Ketzerstein erzähle: Auf dem Schildchen steht alles.

Für mich war‘s ein Erlebnis, das ich sofortundaufderstelleundauchmittenindernacht wiederholen würde. Wenn das Angebot wieder einfliegt, überlege ich sehr ernsthaft, ob ich die nicht unerhebliche Strecke (hin und zurück flog unser Yaris 130 Kilometer) auf mich nehme, nur um den besagten Heidenspaß ein weiteres Mal zu haben. Außerdem habe ich Petra (siehe: Haussegen, Wollschal, Wollmütze) den Mund wässrig gemacht. Sie ist bei der nächsten Schneewander-Tour auf jeden Fall mit an Bord.

Auf der Rückfahrt erwischt mich übrigens der Schnee, schön dickflockig und dicht. Der hat uns gefehlt, dann wäre das Erlebnis perfekt gewesen. Aber das wäre dann auch schon zu viel des Guten gewesen.

[Wer noch weitere Fotos und weitere Informationen erhalten möchte, den lade ich wie immer auf meinen Wanderblog www.schlenderer.de ein.]

 





1 Kommentar »

  1. Harz — 1. Februar 2013 @ 13:27

    Einfach Toller Bericht!

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