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Georg von: am: 21.01.2013
Georg Autor(in):    |   21. Jan 2013   |    Kategorie: Kurz-& Rundtouren, Regionen, Westerwald,

Spuren im Schnee: die Erlebnisschleife „Wiedblick-Tour“ bei Waldbreitbach (Westerwald)

Wenn mir früher jemand mit „früher“ gekommen wäre, wäre ich diesem mutmaßlich „alten Sack“ gleich aus dem Weg gegangen. „Früher“ lässt ja oft anklingen, dass es eine „bessere“ Zeit als die heutige gab. Dabei ist der Angesprochene meist jünger als derjenige, dem die frühere Zeit so erwähnenswert erscheint, sodass er die Aussage mangels eigener Erfahrung gar nicht widerlegen kann. Früher waren die Männer halt noch hart, früher war man froh über jedes Stück trocken Brot. Und früher waren die Winter kälter als heute. Und reich an Schnee. Ach, was sage ich, früher ertrank man in den Schneefluten!

Heute erwische ich mich selbst bei solchen Gedanken, und ich fühle mich dann alt, sehr alt. Was aber hilft, um aus solch trüben, zu nichts führenden Gedanken zu erwachen? Ein Weckruf meines Freundes KD! Und der kommt am Dienstag in Gestalt einer unscheinbaren Email: „… hätte mal wieder Lust …“ Gut, das „Lust“ wäre interpretierbar, doch angesichts unseres Alters liegt eines nicht mehr auf der Hand. Dafür das andere, das Wandern.

Und es liegt ja Schnee!

So wie früher.

Ach, erzählte ich eigentlich davon, dass ich früher viel seltener auf die Schnauze gefallen bin als heute? Nein. Deshalb kurz unter vier Augen: Ich hatte mir im Dezember nicht nur eine Gallenblasen-OP gegönnt, sondern auch einen Treppensturz. Wirklich, das ist kein Treppenwitz. Die Schulter ist lädiert, aber, was viel hinderlicher ist: Der große Zeh vorne links (also am linken Fuß, ums klarer zu sagen) hat seine Geschmeidigkeit momentan verloren; er ist verstaucht. So wie früher nach dem Fußball spielen. [Anmerkung des Lektors: Diesen Satz besser streichen, du gehst deinen Lesern mit dem „früher“ langsam ganz gehörig auf die Nerven.]

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KurzInfo! Die „Wiedblick-Tour“ führt über 10,7 Kilometer und 440 Höhenmeter vom Marktplatz in Waldbreitbach über Hausen nach Niederbreitbach und zurück nach Waldbreitbach. Die Wanderung ist mittelschwer, die Anstiege sind teilweise recht kräftig; eine gute Kondition und ein gutes Schuhwerk sind angeraten. Die Wanderstrecke ist nicht einheitlich ausgeschildert, es wurden mehrere Wanderwege (beispielsweise der Westerwald-Steig, der Wiedweg und örtliche Wanderwege) miteinander kombiniert. Eine Wanderkarte wie „Naturpark Rhein-Westerwald – Blatt 1 (West)“ ist deshalb vorteilhaft.

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Wir wählen also eine kürzere Tour aus – die Wiedblick-Tour. Knapp über 10 Kilometer lang (mit der Option zu verlängern, die KD und ich ja ganz elegant in jede unserer Touren einbauen. Böse Zungen sprechen dabei von „verlaufen“.) Schnee ist garantiert, denn wenn bei uns im Neuwieder Becken der Schnee so hoch liegt, dass ich dreimal den Gehweg kehren muss, dann, ja dann liegt überall Schnee.

Wobei „hoch“ natürlich relativ ist. (Früher lag der Schnee sowieso höher.) Sobald wir Neuwieder Schnee den Gehweg nicht mehr freipusten können, rufen wir den Schneealarm aus. Andere, vorzugsweise aus dem alpenländischen Gebiet, tippen sich dann an die Stirn. Aber das Kind im Manne erwacht, und frohgelaunt fahren wir die kurze Strecke nach Waldbreitbach. Alle Straßen sind freigeräumt, sogar den großen Marktplatz mitten im Dorf können wir nach dem Aussteigen unfallfrei verlassen, um sogleich in die Schneeverwerfungen einzutauchen. Also fast. Der Weg an der Wied entlang ist auch freigeräumt. Das soll aber für den Rest des Weges und abseits der Straßen die letzte schneefreie Zone sein. Wir finden uns also quasi im Schneeparadies wieder, nahe bei unseren Kindheitserlebnissen, als Schlitten noch nicht einzig zur Dekoration von Schaufenstern dienten.

Sie verbargen sich in den Schatten, sie lauerten uns auf: die typischen Westerwälder Ziegenwölfe.

Der weitere kurze Weg die Straße entlang endet bald im Hang. Wir schlagen uns nach links in Richtung Hausen, behalten dabei Waldbreitbach immer im Blick. Und stören uns vielleicht an den trüben Dunstwolken, die sich über dem Wiedtal eingenistet haben – doch richtig trüben können sie unsere Stimmung nicht. Zudem entschleunigen wir verdammt schnell.

Ich weiß nicht, wer dieses seltsame Wortkonstrukt in die Welt gesetzt hat, ein Denkmal setze ich ihm dafür jedenfalls nicht. Nein, wir entschleunigen nicht. Wir schlendern. Und wir können uns dem nicht entziehen, ob wir wollen oder nicht. Es liegt am Schnee. Nur knöchelhoch (sodass er gerade in meine flachen Wanderschuhe rieselt, wenn KD mit seinen halbhohen neuen Tretern gut grinsen hat), aber wunderbar weich und fluffig. Schäfchenweich. Den Tieren scheint dies auch zu gefallen, denn über weite Strecken sind Reh und Hase und Känguru [Anmerkung des Lektors: Das meinst du doch nicht im Ernst, oder?] die einzigen Gehgefährten (wobei wir keines der Tiere persönlich sehen, vermutlich quatschen wir wieder zu laut), ihre Spuren kreuzen hier und da den Weg.

Laubbäume im Winter haben ein wenig mit älteren Männern gemeinsam: Sie sind kahl. Das ist kein erhebender, nicht einmal ein schöner Anblick. Laubbäume im Schnee dagegen strahlen eine majestätische Erhabenheit aus. Das triste Grau, das durchaus seine gefälligen Nuancen haben kann, wird abgelöst von einem frostigen, unberührten Weiß. Das Auge trägt diese Reinheit direkt weiter und spricht die Sinne anders an, als ich es im Sommer erlebe.

Im Hintergrund erhebt sich das St. Josefshaus

Dazu die unverbrauchte, eisig-frische Luft … die Füße stapfen wie von selbst durch den Schnee, es knirscht sehr sanft unter unseren Schuhen, während wir uns dem St. Josefshaus in Hausen nähern, unserem ersten Ziel.

In Hausen scheint es gewisse Unsicherheiten beim Hausberg zu geben. Mal heißt er Malberg …

 

… mal heißt er Mahlberg (gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite).

Nachdem wir die Gebäude passiert haben, geht es nun einige Schritte bergauf durch den Ort, bevor wir ihn mitten im Hang wieder hinter uns lassen. Mittlerweile gehen wir gemeinsam mit dem Westerwald-Steig, rechts von uns steigt der Malberg an, der weiße Wald um uns herum gestattet uns dann und wann einen Blick auf die jenseitigen Höhen, die noch vor uns liegen. Obwohl die Landstraße nicht allzu entfernt liegt, scheint alles weit weg zu sein – wir hören die Geräusche wie durch eine weiße Wand, gedämpft und unwirklich.

Trübe Aussichten – heitere Stimmung. Blick auf das Marienhaus (rechts) und das St. Josefshaus (links).

Irgendwann bietet sich uns die Möglichkeit, den Weg um einen Abstecher hinauf zum Malberg zu erweitern – doch heute ist uns nicht danach, vielleicht auch, weil wir merken, dass wir viel länger unterwegs sein werden als sonst. Das stört uns aber keineswegs, das Schlendern hat uns nämlich voll im Griff.

Die Wied hatten wir schon in Waldbreitbach aus den Augen verloren, nun taucht sie wieder auf. In kleinen Kehren führt der Weg uns hinunter, ein Campingplatz liegt rechter Hand, während zur linken die Wied bereits recht viel Wasser führt. In Niederbreitbach halten wir uns nicht lange auf, stattdessen erklimmen wir den nächsten Berg. Für die 11 Kilometer Wegstrecke sind übrigens 440 Höhenmeter angegeben, bei verschneiten Wegen können sich unsere Wadenmuskeln also ordentlich austoben.

Nikolauskapelle mit schneeweißem Zipfelchen

Gerade das Stück zum Clausberg hinauf, das wir nun vor Augen haben, scheint mit seinen Biegungen und Schleifen kein Ende zu nehmen. Bevor wir oben angelangt sind, haben wir uns deshalb eine Pause in einer Hütte verdient. [Anmerkung des Lektors: Gab es wieder höllisch viel Schnaps wie beim letzten Mal? Dann melde ich mich zur nächsten Wanderung wieder an!]

Winterlandschaft mit Licht am Ende des Tunnels

Als Nächstes werden wir mit Blicken auf die Neuerburg und den Ackerhof bedient; es ist soweit, denn nachdem wir mit dem Seitenwechsel (siehe Niederbreitbach) auch den „Westerwald-Steig“ verlassen und auf den „Wiedweg“ getroffen sind, gesellt sich nun der „Klosterweg“ zu uns. Wald und Wiesen wechseln sich ab, was bleibt, ist der unbefleckte Schnee. Jedenfalls so lange, bis wir drüber marschiert sind. [Anmerkung des Lektors: Gute Gelegenheit, jetzt den Kalauer vom „wo wir gehen, wächst kein Gras mehr“ zu bringen – bitte im Interesse der Kundenzufriedenheit unbedingt nutzen!]

Ein Stück des Wegs ist mit Waldlehrtafeln bestückt. Hier erfahren wir einiges über das Schneehuhn.

Vom Örtchen Glockscheid aus – unsere Gespräche beschränken sich unter dem Eindruck der still machenden Landschaft auf das Wesentliche – nähern wir uns dem Marienhaus. Dort wird noch immer am Gebäude renoviert und saniert. Dort treffen uns auch die sehnsüchtigen Blicke einiger Tagungsteilnehmer, als wir an ihrem Tagungsraum mit der Gelassenheit von Wanderern, denen nichts etwas anhaben kann, entlangflanieren. Wobei ihre Sehnsucht sich sicherlich nicht auf unsere Gesellschaft, vermutlich noch nicht einmal auf unsere Körper bezieht – denn sie wollen wohl nur wandern wie wir.

Wenn ich mir jetzt die Fotos so betrachte – es war echt tierisch trüb.

Bevor es nun allzu sinnlich wird in einer klerikalen Umgebung, schlagen wir den Weg abwärts ein. Der „Stern von Bethlehem“ liegt vor uns, eine mit 3.500 Glühbirnen erleuchtete Strecke vom Marienhaus bis Waldbreitbach. Weil aber heller, wenn auch trüber Tag ist, leuchtet nichts für uns. Stattdessen entdecken wir links und rechts des Wegs unzählige Krippen.

Herrje, früher war das wirklich nie so trüb! (Betrübter Abschiedsblick ins Wiedtal.)

Derart weihnachtlich gestimmt schwenken wir ein nach Waldbreitbach, genehmigen uns noch einen Blick auf die Kirche „Maria Himmelfahrt“ (die noch immer renoviert und saniert wird), um an unserem Wagen dann die Schuhe von uns zu werfen.

Im wahrsten Sinne, denn meine Wanderschuhe triefen, die Strümpfe sind nass. Ein deutliches Zeichen dafür, dass ich die vergangenen Jahre nicht allzu oft im Schnee gewandert bin, weshalb das richtige Schuhwerk fehlt. Aber bis zuletzt habe ich von Nässe nichts gespürt, und kalt war mir auch nicht. Was ja durchaus für den Wanderweg und die mit der Wanderung verbundene Faszination spricht.

Eindrücke, die ein mit Schnee verhüllter Wanderweg hervorruft, sind kaum übertragbar auf andere Jahreszeiten. Die Sinne nehmen die Umgebung anders auf, ja, die Umgebung selbst scheint anders zu sein. Selbst Wegstücke, die ich vom Sommer her kenne, scheinen nun ein neues Aussehen zu haben.

Wenn mich die Wiedblick-Tour also heute begeisterte, so muss dies nicht fürs Frühjahr, den Sommer oder den Herbst gelten; zu unterschiedlich sind die Gesichter, zumal wenn sie die Farbe wechseln. Bedeckt mit Schnee gefällt mir diese Tour aber ganz besonders, enge Passagen wechseln sich ab mit breiteren Wegen, kurze Abschnitte an der Wied entlang gehen über in Pfaden bergan oder auf der Höhe. Die Dörfer im Wiedtal haben zudem ihr eigenes Flair, das sich so wohltuend abhebt vom städtischen Bild, das ich jeden Tag vor Augen habe.

Winterwunderland (Es tut mir ja so leid, aber diesen ausgelutschten Begriff musste ich unterbringen.)

Wir benötigten vier Stunden für die Wanderung, sind also ordentlich übers Zeitziel hinausgeschossen – und ich bin froh über jede zusätzliche Minute, die wir draußen verbracht haben. Gefühlt sind aus den knapp 11 Kilometern gut und gerne 15 Kilometer geworden, denn im Schnee geht es sich trotz seiner Leichtigkeit schwerer. Einige Passagen machten uns aufmerksam darauf, dass Schuhwerk mit gutem Profil das A und O einer Schneewanderung ist. Zweimal sanken wir deshalb dahin – doch ich verrate nicht, wen von uns es erwischte oder wer wie oft den Schnee küsste. [Anmerkung des Lektors: Da brauche ich nicht zu raten, ich kenne den Pappenheimer.]

Das Einzige, was mir an diesem Tag fehlte, waren die frisch herabsinkenden Schneeflocken. Aber die gab es selbst früher nicht auf Wunsch …

[Wer noch weitere Fotos – auch vom „Krippenweg“ sehen und weitere Informationen erhalten möchte, den lade ich wieder auf meinen Wanderblog www.schlenderer.de ein.]





3 Kommentare »

  1. Karin HB — 21. Januar 2013 @ 09:05

    Hallo Georg,
    wieder habe ich mich köstlich amüsiert, bei Deiner schönen Schlendereien-Schilderung. Du solltest mal ein Buch schreiben!
    Gruss, Karin

  2. Georg
    Georg — 21. Januar 2013 @ 16:06

    Hallo, Karin!

    Danke schön! Und das mit dem Buch ist gar nicht so weit hergeholt. Die Rohfassung meines ersten Eifelkrimis ist fertig, derzeit überarbeite ich den Text. Es ist zwar kein Wanderbuch, aber die Handlung spielt auch in der freien Natur.

  3. Urlaub Harz — 1. Februar 2013 @ 13:25

    Ja das kann ich nur bestätigen schreibe mal ein Buch!

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