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Georg von: am: 16.10.2012
Georg Autor(in):    |   16. Okt 2012   |    Kategorie: Eifel, Kurz-& Rundtouren, Naturerlebnis, Regionen, Romantischer Rhein, Traumpfad,

“Für eine Handvoll Äpfel” – der Streuobstwiesenweg bei Mülheim-Kärlich (und Kettig!)

Ja, ich bin käuflich.

Meine Liebste säuselt: “Ich muss zu Ikea.” Mir fällt siedend-heiß ein, dass ich den Reifen der Schubkarre nach der letzten Einkaufstour noch nicht wieder aufgepumpt habe. Wie also diesmal das ganze gute Geld zu Ikea transportieren, damit der Haussegen nicht schief hängt wie der Turm von Pisa? “Ich brauche auch nicht viel, Schatz.” Dieses … Schatz kommt noch säuselnder. Also lieber gleich zwei Schubkarren vollladen?

Stilleben mit Baum und Bank

Stilleben mit Baum und Bank

Oder ganz frech sein. Handeln – dealen – Schnäppchenjagd. “Muss das denn sein?” Sie antwortet nicht, sie schaut mich nur an. Gut, ich habe verstanden. Jetzt riskiere ich alles. “Aber dann gehen wir vorher noch wandern.” Meine Stimme ist flau wie ein Sommerlüftchen. Ich weiß natürlich aus Film, Funk und Fernsehen, wie gewaltätig Frauen werden können, die einen Ikea-Besuch fest eingeplant haben. (Und natürlich verbeiße ich mir ein; “Nur über meine Leiche”, denn ich bin nicht lebensmüde.) Ich spiele mit meiner Gesundheit.

Aber meine Liebste lächelt. Sie nickt. Was habe ich nur richtig gemacht? Oder falsch? Ich bin verwirrt, packe aber eilig den Rucksack, schmeiße Wanderschuhe und anderes Zeugs in den Wagen und achte gar nicht richtig darauf, wie noch etliche (etliche!) Tragetaschen beigepackt werden. Erst später, viel zu spät, wird mir aufgehen, welchen Fehler ich gemacht habe. Ich bin einfach euphorisiert über meinen anscheinend guten Handel: Ikea gegen Wandern. So billig komme ich normalerweise nicht weg.

Von Neuwied zum “Streuobstwiesenweg” sind es gerade mal 10 Kilometer. Wir starten wie die letzten Male auch in Kettig. Das hat sich bewährt, um den Parkplatz am Sportplatz Dalfter zu umgehen. Zufällig habe ich den Fotoapparat mitgenommen, obwohl ich gar nicht vorhabe, einen Wanderbericht zu schreiben. Die Streuobstwiesen sind doch nur dann “schön”, wenn die Blüten das Auge des Betrachters mit einem Füllhorn an Farben tränken. Und dann fotografiere ich doch, erst eine Schafherde, danach die Landschaft, dann die Bäume mit ihren Äpfeln. Und später merke ich, dass ich doch wieder fünf Filme verknipst hätte, müsste man heute noch so sorgfältig beim Auslösen überlegen wie damals, als die Firmen noch Agfa und nicht Sandisk hießen.

Dafür beschränke ich mich heute in der Beschreibung. Ich lasse die Bilder sprechen, und ich kommentiere sie da, wo es mir nützlich erscheint.

***

KurzInfo! Der “Streuobstwiesenweg” gehört nicht zu den “Traumpfaden”, denn ihm wurden vom Deutschen Wanderinstitut e. V. “nur” 45 Erlebnispunkte verliehen; “Traumpfade” dagegen müssen mindestens 50 Punkte auf die Waage bringen (mehr dazu auf Michael Andracks Blog.)

Der Beinahe-Traumpfad führt entweder vom Sportplatz Dalfter oder von der Grillhütte in Kettig aus über 9 Kilometer und 246 Höhenmeter, als Wegezeit werden 3 Stunden angegeben. Der Wanderweg ist ganzjährig begehbar; es genügt gutes Schuhwerk, das sich aber natürlich für Wanderungen eignen sollte. Einkehrmöglichkeiten bestehen nicht direkt am Streuobstwiesenweg, jedoch in den angrenzenden Orten Mülheim-Kärlich oder Kettig.

Es gibt “Stoßzeiten” auf dem Streuobstwiesenweg, die sich fast von selbst erklären: Sobald es blüht, ist die Hölle los. Der Parkplatz Dalfter ist dann voll wie die Fähre nach Helgoland. Ausweichen kann man auf den Parkplatz an der Grillhütte in Kettig – solange noch nicht alle die Idee haben. Den Parkplatz erreicht man leicht. (Als gebürtiger Weißenthurmer müsste ich jetzt sagen: kein Wunder, Kettig hat ja auch nur eine Straße. Aber in den vergangenen Jahren kamen offenbar noch einige Nebenstraßen dazu …) Der Hauptstraße folgen, bis linkerhand ein Schild “Grillhütte” auftaucht, dort über Züll- und Holzstraße in den Stich “Auf dem Haar” einbiegen; ein Hinweisschild zur Grillhütte ist auch hier angebracht.

Auf dem Weg finden sich unzählige Bänke und angenehme Sitzgelegenheiten unter anderem am Sportplatz Dalfter und der eben erwähnten Grillhütte.

Von der Grillhütte wählen wir die Variante “links herum”, passieren also erst einmal Wiesen und Felder mit Kirschbäumen und anderen Obstsorten. Eine Schafherde mustert mich seltsam aufdringlich.

***

Schaf mit unbekannter Herkunft und Absicht

Schaf mit unbekannter Herkunft und Absicht

Mir liegt auf der Zunge, dass sie noch als “Flauschteppich Wøllk” bei Ikea enden, wenn sie so weiter gaffen. Petra dagegen weist darauf hin, dass es sich womöglich um die sehr begehrten “Coburger Fuchsschafe” handelt. Sie ist die Wollexpertin, ich bin nur der Fahrer – also nicke ich zur Bestätigung.

“Während ein konventioneller Hydraulikbagger über einen Arm mit mehreren Gelenken verfügt, ist der Ausleger des Teleskopbaggers nur im Oberwagen in einem Gelenk gelagert und kann … – Heh, wo bist du!”

“Während ein konventioneller Hydraulikbagger über einen Arm mit mehreren Gelenken verfügt, ist der Ausleger des Teleskopbaggers nur im Oberwagen in einem Gelenk gelagert und kann … – Heh, wo bist du!”

Dafür schlägt meine große Stunde natürlich an der Grube “Carl Heinrich”, ich philosophiere über Bagger und schweres Gerät und die Schwierigkeiten, dem Erdreich Grün- und Blauton, Trachyttuff und Knubb zu entreißen (mein Wissen sauge ich von der Schautafel nahe bei) und merke erst verdammt spät, dass sie längst weitergegangen ist.

Am Sportplatz hole ich sie ein. Wir lagern dort für eine geraume Weile, denn bald darauf geht es bergan. Der Streuobstwiesenweg ist im großen und ganzen flach, nur an dieser Stelle und später ein einziges Mal geht es bergan, weil die Eifel vor vielen Millionen Jahren hier aufgeschüttet wurde. Sobald wir oben sind, stehen wir mitten in der prallen Sonne. Wir haben Glück, das Wetter spielt mit, und die Landschaft liegt in einem goldenen Licht.

Michael berichtet in seinem ausgezeichneten Wanderblog “n-pics” auch über den Streuobstwiesenweg. (Unbedingt seinen Videofilm über den “Streuobstwiesenweg” anschauen!) Michael hat natürlich recht, wenn er schreibt: “Hier und da bietet sich eine nette Aussicht – jedoch nichts von Bedeutung.” Aber ich zitierte das ja nicht, wenn nicht mein “aber!” käme. Also: aber man kann es auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Von der Höhe öffnet sich meine Sicht über die Vordereifel. Ich sehe die Berge um die Laacher See und hinüber bis nach Mayen und zur Hohen Acht. Wende ich mich um, schaue ich auf den Köppel mit seinem Aussichtsturm, einen der drei höheren Bergkuppen der Montabaurer Höhe. Es mag sogar sein, dass ich die Karthause über Koblenz erkennen kann, aber da bin ich mir, ehrlich gesagt, nicht ganz sicher.

Und ich wusste nie, wie Apfelsaft hergestellt wird – jetzt will ich es nicht mehr wissen

Und ich wusste nie, wie Apfelsaft hergestellt wird – jetzt will ich es nicht mehr wissen

Dazwischen erhebt sich der “Karmelenberg”, der noch in der Vorwoche unser Ziel auf dem “Hügelgräberweg” war. Und drehe ich mich nun um 180 Grad, erblicke ich auf der Gegenseite “Schloss Monrepos” über Neuwied, das Elke auf ihrer Wanderung durch das Moorbachtal erreichte. Natürlich fliegen meine Augen immer wieder über das Neuwieder Becken und das Rheintal. Von der Höhe des “Streuobstwiesenwegs” schweifen meine Blicke über unzählige Wanderziele, die mir hier zu Füßen liegen. Wenn das keine Aussichten sind …

Der Köppel bei Montabaur mit dem Aussichtsturm

Der Köppel bei Montabaur mit dem Aussichtsturm

Der Karmelenberg bei Bassenheim

Der Karmelenberg bei Bassenheim

Sie gehet hin nach Maria Laach hinter den Sieben Bergen

Sie gehet hin nach Maria Laach hinter den Sieben Bergen

Schloss Monrepos bei Neuwied

Schloss Monrepos bei Neuwied

Und dann diese überwältigende Apfelfülle! Die Luft um uns scheint sich mit dem Duft der roten reifen Äpfel aufzuladen. Und doch: einerseits ist es eine Pracht, auf der anderen Seite eine Schande. Lastwagenweise liegen Äpfel unter den Bäumen, und es hat nicht den Anschein, als ob sich überall die Mühe gemacht würde, das Obst aufzuraffen und einer sinnvollen Verwendung zuzuführen. Wer auch immer für die Obstbäume verantwortlich ist, sollte sich, wenn er kein Interesse am Abernten hat, einmal Gedanken über Initiativen wie “Mundraub” machen.

Und ewig lockt der Apfel …

Und ewig lockt der Apfel …

Ein Schild vor die Plantage mit dem Hinweis, sich für den Eigenbedarf bedienen zu dürfen, verbunden mit der Bitte, das Gelände und die Bäume pfleglich zu behandeln – und das Obst verfault nicht unter den Augen der Wanderer.

 
Stilleben mit Baum und mit ohne Bank

Stilleben mit Baum und mit ohne Bank

Apropos Wanderer: Wir sind nicht die einzigen, die unterwegs sind. Aber anders als zur Blütezeit brauchen wir heute keine Reservierung, um uns  einen Bankplätze sichern zu können. Das ist angenehm, und das nutzen wir aus, sodass wir viele Stunden auf dem kurzen Weg unterwegs sind.

Ein Hingucker auf der “Elmar-Hillesheim-Wiese”

Ein Hingucker auf der “Elmar-Hillesheim-Wiese”

Wir queren die “Elmar-Hillesheim-Wiese” der Förder- und Wohnstätten in Kettig, auf der alte Obstsorten gepflanzt und gehegt werden, und kommen zu guter Letzt am “Obstlehrpfad Kettig” direkt bei der Grillhütte an.

Der “Obstlehrpfad Kettig”

Der “Obstlehrpfad Kettig”

Dorf erfahren wir, dass um Kettig das größte zusammenhängende Holunderanbaugebiet Deutschlands liegt und der Weinanbau vor Ort bereits zwischen 915 und 928 im Goldenen Buch des Kloster Echternach erwähnt wird. (Obgleich mein Geburtsort größer ist, hat Kettig wohl die ältere Geschichte …)

Und wir fahren mit dem Gefühl weiter, den “Streuobstwiesenweg” nicht nur zur Hohezeit der Blüte wandern zu müssen, sondern auch zu anderen Jahreszeiten. Es gibt immer etwas zu entdecken, zu bestaunen, zu genießen. Wir werden wieder vorbeischauen – spätestens, wenn der erste Schnee liegt.

Auf der Wegekarte ist der von mir genannte alternative Startpunkt nicht gesondert eingetragen. Man findet ihn aber, wenn man die “Holzstraße” in Kettig auf der Karte entdeckt. Die Pfeilrichtung gibt die vorgegeben Laufrichtung an, wir aber wählen lieber die andere Variante – es ist Geschmackssache, und wer den “Streuobstwiesenweg” mehr als einmal geht, wird seine bevorzugte Richtung schnell selbst herausfinden.

 
Der Rote Baron in seinem knallgelben Flugzeug (der Weg kann am Modellflugplatz abgekürzt werden)

Der Rote Baron in seinem knallgelben Flugzeug (der Weg kann am Modellflugplatz abgekürzt werden)

Aber es gilt noch ein Rätsel aufzulösen. Das Rätsel der großen Tragetaschen. Spätestens beim Esshalt am Dalfter hätte ich stutzig werden müssen. “Iss gut und reichlich”, meinte Petra. Beim ersten Apfelbaum geht mir dann ein Licht auf. Petra klaubt Äpfel vom Boden auf. Kiloweise. Zentnerweise. Schubkarrenweise! Und so tragen wir und schleppen die unzähligen Tragetaschen unter großem Wehklagen und mit viel “Ach!” und “Wieweitnoch?” bis zum viel zu kleinen Auto und beladen es, bis es wie wir in die Knie geht. Und sodann fahren wir zu der Firma Ikea und beladen das Auto mit noch mehr Waren.

Zuhause aber schmeiße ich die Tragetaschen in einem Moment, in dem ich mich unbeobachtet fühle, in die Mülltonne. Die Äpfel aber lagern nun im Keller. Und weil der zu klein ist, auch in der Küche. Und im Esszimmer. Und im Wohnzimmer …

Wer noch weitere Fotos sehen möchte, den lade ich wieder auf meinen Wanderblog www.schlenderer.de ein.





2 Kommentare »

  1. Boris Schäfer — 18. Oktober 2012 @ 03:53

    Du kannst wandern und IKEA aber auch toll kombinieren. Ist sogar ein „Abenteuerwandern“. Einfach Samstag Nachmittag kurz vor der Kasse bemerken, dass du etwas vergessen hast und dann einmal versuchen rückwärts durch das IKEA zu wandern 🙂

    Einen so gewachsenen Baum wie oben in deinem Stilleben habe ich aber auch noch nicht gesehen 🙂

    Liebe Grüße
    Boris

  2. Georg
    Georg — 18. Oktober 2012 @ 11:55

    Bring niemand auf falsche Ideen, Boris! Seitdem mich bei Ikea alle Verkäufer(-innen) lächelnd (oder grinsend?) mit meinem Namen begrüßen, denke ich sowieso, dass etwas ganz falsch läuft.

    Und du weißt sicher, dass Fotografen ihre Objekte immer arrangieren, bis sie fürs Foto „passen“. Natürlich sieht der Baum in Wirklichkeit langweilig normal gewachsen aus. 😉

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