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Georg von: am: 29.06.2012
Georg Autor(in):    |   29. Jun 2012   |    Kategorie: Kurz-& Rundtouren, Westerwald,

Es zieht mich runter ins Brexbachtal

 

Der Brexbach

Der Brexbach

„Tour Natur“ verspricht der Band „Wandergenuss Rhein/Westerwald“ von Ulrike Poller und Wolfgang Todt für den Wanderweg „Nauort RB 1“ (nahe bei Höhr-Grenzhausen), und Wege durch Felder und Koppeln mit schönen Ausblicken. Und Gelegenheit zum Träumen soll es im Brexbachtal geben. Ob die Rundtour das alles auf den 13 Kilometern wirklich bietet, wollte ich mir selbst ansehen.

Gut, ich muss zugeben, verschiedene Streckenabschnitte des „Rundwegs Ransbach 1“ bereits im Verlauf anderer Touren gewandert zu sein. Somit wusste ich, was hier und da auf mich zukommt. Doch diese Abschnitte waren alle eine erneute Wanderung wert, und besonders die Strecke durchs Brexbachtal bot sich heute an. Es sollte ein heißer Tag werden, und wer im Neuwieder Becken lebt, weiß, dass ein heißer Tag dort immer um das Attribut „schwül“ ergänzt wird. Täler sind ein probates Mittel dagegen, das mir nicht einmal der Hausarzt empfehlen muss, und Wälder spenden nicht nur Schatten, sondern kühlen auch das Gemüt.

Der Wanderparkplatz am „Weiherplatz“ mitten in Nauort ist gut erreichbar, er liegt zentral und ist groß genug, um ganze Wanderbusse kreisen zu lassen. Den ersten Wanderkilometer durch Nauort nutze ich zur kontemplativen Einstimmung, es zieht mich schnell aus dem Ort hinaus (ohne das gewiss beschauliche Nauort diskreditieren zu wollen), weiter über den asphaltierten Weg, der endlich dann auf einen Forstweg abzweigt und gleich darauf in die Bewaldung hineinlenkt. Zeit, die Luft tief einzuatmen, denn der Regen des Vortags lastet noch schwer auf den Bäumen und im Boden, und irgendwie riecht der Wald auch noch danach. Ein Eindruck, der verfliegt, als ich den Grund des „schweren Geruchs“ entdecke, der links des Wegs auf gut 30 Meter auf die Lungen drückt. Ein Bauer hat seinen Stallmist großzügig ausgebreitet, und ich bin froh, als der „schwere Geruch“ einer leichten Brise weicht, weil es durch tunnelartig über mir drängenden Laubwald abwärts geht.

Passend an der Stelle eine Anmerkung, die weniger als Mäkelei denn als Feststellung dienen soll. Von nun an wird mich die A 48 begleiten – mal mehr, mal weniger -, die nicht nur an Höhr-Grenzhausen entlang geleitet wurde, sondern auch vielen der umgebenden Wanderwege mit ihrem gleichmäßig eintönigen Singsang (andere nennen es Motorenlärm) ein steter Begleiter ist. Das Auge kann ich übertölpeln, indem ich wegschaue und das weniger Schöne verdränge. Das Ohr hört immer mit. Gewiss, nach einiger Zeit gewöhnt sich das Gehör womöglich an die im Hintergrund wabernden Geräusche und mancher mag es sogar ganz ausblenden können, doch wer die absolute Stille im Wald sucht, der wird vielleicht enttäuscht sein.

Ein Wirtschaftsweg zieht sich an Pferdehöfen und -koppeln vorbei, bis er in einen schmaleren Weg mündet, der mich auch wieder mit dichtem Laubwald umgibt. Genau zur richtigen Zeit, den ganz zeitig bin ich nicht aufgebrochen, sodass nicht nur die Sonne langsam zwischen den dünnen Wolken hindurchschaut, sondern auch die Luft stetig wärmer wird. Nur wenig Zeit vergeht, bis sich vor mir das Gehöft „Johannisburg“ aufbaut, die Vorbotin für das kleine Dorf Grenzau, das seinen Namen von der Burg erhielt, die als Ruine noch immer deutlich sichtbar über den Dächern thront. Die Burg ist nur an den Wochenenden für Besucher geöffnet, aber einen (halben) Rundgang ums Gemäuer lasse ich mir nicht nehmen. Heinrich der I. von Isenburg ließ um 1210 die Burg erbauen. Was ihn damals ritt, seiner Burg einen dreieckigen Bergfried zu verpassen? Vielleicht erwartete der tapfere Heinrich Angriffe nur von drei Seiten, vielleicht reichten seine Steine einfach nicht weiter als für die drei Seiten – jedenfalls scheint sich das Modell landesweit nicht durchgesetzt zu haben, denn es blieb der einzige deutsche Bergfried mit drei Seiten.

Der Bergfried mit den drei Ecken

Der Bergfried mit den drei Ecken

Zeit war‘s jedenfalls für eine Rast, genügend Bänke standen erwartungsvoll bereit (wie bis zum Brexbachtal der Weg eine ausreichende Zahl an Sitzgelegenheiten unterschiedlicher Güte aufweist; erst als ich danach meine Seele und erst recht meine Füße gerne auf einer Bank baumeln lassen wollte, machten sich die Bänke seltsam rar.) Und wie ich da so sitze, wird mein unstiller Wegbegleiter (siehe das Stichwort „A 48“) abgelöst von einer Gruppe Jugendlicher, die sich aus dem Pfadfinderzeltplatz im Tal durchs Dickicht gekämpft hatten und jetzt durchs Unterholz brachen. Aber anders als einige der erwachsenen Begleiter grüßten sie mich. Und am Ende verstummte auch die A 48, weil die üblichen Verdächtigen (den Abschluss der gut gelaunten Gruppe bildend) mich mit Rapsongs aus ihren MP3-Playern von ihrem guten Musikgeschmack überzeugen wollten.

Auch Burgfräulein liebten Blumen

Auch Burgfräulein liebten Blumen

Das gelang ihnen zwar nicht, aber gleichwohl trabte ich gut gelaunt den Pfad weiter, weg von Burg Grenzau, aber kaum an Höhe verlierend, unter mir der Brexbach, der mich nun ein gutes Stück nicht aus den Augen lassen sollte. Der Wald verändert sein Gesicht kaum, doch der Pfad wird schmaler, linkerhand stürzt das Gelände recht steil hinab und gibt ab und an den Blick frei auf den Bach.

Hinter mir der Kaiserstuhl mit Sitzbank

Hinter mir der Kaiserstuhl mit Sitzbank

Zwischendurch gönnt der Kaiserstuhl noch eine kurze Rast, in der das Auge von weit oben übers grüne Blätterdach tanzen kann.

Amerikaner nennen es "Brexbachtal - The Valley of Wanderwege"

Amerikaner nennen es „Brexbachtal – The Valley of Wanderwege“

Sobald der Wanderpfad sich wieder weitet, verliert er auch an Höhe und gleitet bald an der Bahnstrecke entlang. Die Brexbachtalbahn wurde 1884 eröffnet, nach einer zeitweisen Stilllegung wird aktuell sogar über eine Reaktivierung der Strecke von Grenzau über Bendorf nach Neuwied nachgedacht; derzeit führt der Verein „Brexbachtalbahn e. V.“ Touristikfahrten durch.

Eine Eisenbahn aus einer anderen Zeit

Eine Eisenbahn aus einer anderen Zeit

Das Besondere aber sind die 36 Brücken und Viadukte und die sieben Tunnel, die sich durch die Berge gefressen haben. An vielen Stellen scheint die Bahnstrecke noch im Dornröschenschlaf zu liegen, und die Natur holt sich Gleis für Gleis wieder, was ihr vor gut 100 Jahren aus den Händen gerissen wurde. Gerade das versetzt sie in einen unwirklichen Zustand – sie wirkt, als sei die Zeit irgendwann stehengeblieben. (Und wer wie ich am Rhein lebt, weiß auch die Augenblicke zu schätzen, in denen keine Güterzüge vorbeibrettern, sondern die Gleisanlagen nur stumme Zeugen sind.)

Früher soll die Brexbachbahn bis nach Santa Fe gefahren sein

Früher soll die Brexbachbahn bis nach Santa Fe gefahren sein

Wenn es denn genug ist von Bach und Bahn, geht es zum letzten Mal bergan, wieder durch den Laubmischwald, wieder ein fließendes Wasser an der Seite, das mich auf meinem letzten Stück alleine lässt. Der letzte Kilometer, wieder asphaltiert und entlang der Grillhütte Nauort, die gut und gerne zwei kompletten Fußballmannschaften samt Fans ein Dach über dem Kopf gewähren kann, mündet in den Ort selbst, ist wenig aufregend, aber ein Abschluss, der auf die Fahrt nach Hause einstimmt.

Nach dem Windwurf ist vor dem Wildwuchs

Nach dem Windwurf ist vor dem Wildwuchs

Was bleibt mir in Erinnerung? Ein zwischen Asphalt-, Forst- und Waldwegen und verträumten Pfaden wechselnder Wanderweg, der bald nach dem Start in die Laubwälder entführt und sein ganz besonderes Flair durch den Brexbach und die ihm auf Schritt und Tritt folgende Eisenbahnstrecke gewinnt. Die Burg Grenzau ist da noch ein schönes Obendrauf, zudem sie keine Kraxelei abverlangt, sondern gut erreichbar direkt vor den Füßen liegt. Ganz sicher werde ich den Weg nochmals gehen. Zum einen liegt Nauort nur 15 Autominuten von Neuwied entfernt (und von Koblenz werden es nicht mehr sein), sodass der Startpunkt rasch erreicht ist. Zum anderen verlieren Wanderwege nicht an Reiz, wenn man sie bereits einmal gegangen ist. Eine andere Jahreszeit, selbst eine andere Tageszeit oder in umgekehrter Richtung gegangen – und einem Wanderweg kann ich andere Aspekte abgewinnen. Schon deshalb werde ich diesen Rundweg nicht aus den Augen verlieren.





2 Kommentare »

  1. Karin — 6. Juli 2012 @ 10:50

    Hallo Georg,
    danke für Deinen Tipp. So eine Bahnlinie kann auch ein schönes Biotop darstellen :-)
    Gruss, Karin

  2. Georg
    Georg — 8. Juli 2012 @ 16:59

    Gern geschehen!

    Ja, genau das macht auch den besonderen Reiz der Bahnlinie im Brexbachtal aus.

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